KNOW-HOW

AUS ERFAHRUNG
GROẞ

Know-how – Aus Erfahrung groß

In 16 Stunden gelangte das gesamte »Inventar« von Riem über die rund 30 Kilometer lange Fahrstrecke zum neuen Standort.

Die 700 Lastwagen, die in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1992 in Riem auf den Weg geschickt wurden, markieren eindrucksvoll den Start der Erfolgsgeschichte des neuen Flughafens München im Erdinger Moos. Das war vor 25 Jahren, und dieses Jubiläum wurde 2017 gebührend gefeiert. Die öffentliche Aufmerksamkeit für diesen reibungslosen Umzug hat den Flughafen München weltweit bekannt gemacht. Heute ist er von Honduras bis Singapur ein gefragter Partner bei Airport-Projekten und erschließt mit seiner immensen Kompetenz neue Geschäftsfelder weit über reine Umzugsprojekte hinaus.

Patrick Muller (4. v. r.), Betriebsleiter des Terminals 2 am Cairo International Airport, und sein Team kurz vor der Inbetriebnahme des neuen Terminals.

Wie der Flughafen München mit seinem Know-how weltweit im Geschäft ist

Starthilfe in Ägypten
Bevor sich Patrick Muller auf dem kleinen Diwan in der Besprechungsecke seines Büros niedersetzt und an dem stark gesüßten Mokka nippt, hat er bereits einen langen Weg hinter sich. Dabei ist er heute ganz gut durch den Kairoer Verkehr gekommen. In den letzten Tagen hatten Polizeikontrollen immer wieder für lange Staus gesorgt – die Sicherheitslage in Ägypten, die den Tourismus fast zum Erliegen gebracht hat, bleibt angespannt. Bevor der 57-Jährige sein Büro im Airport Master Control Center des nagelneuen Terminals 2 betritt, dreht er jeden Morgen die gleiche Runde: zuerst am Weg der Passagiere entlang, vorbei am Check-in, dann durch den Sicherheitsbereich, die Passkontrolle und am Zoll vorbei. Muller schaut sich die Läden an und wirft einen Blick in die Toiletten. Er grüßt die Reinigungskräfte und spricht mit dem Abfertigungspersonal. Man kann das »management by walking around« nennen, denn der Experte des Flughafens München ist der offizielle Betriebsleiter des neuen Terminals in der ägyptischen Hauptstadt.

2016 erhielt die Flughafen München GmbH den Zuschlag für ein zweistufiges Projekt. Nachdem das alte Terminal aus den Fünfzigerjahren abgerissen und komplett neu errichtet worden war, übernahmen Berater aus München die Vorbereitung für die Inbetriebnahme: Muller und sein Team von insgesamt bis zu 23 Mitarbeitern entwarfen sämtliche Abläufe – von Sicherheit, Polizei, Zoll, Check-in, Gepäckbeförderung, Be- und Entladelogistik bis zu den Konzepten für die kommerzielle Nutzung der Flächen. Vor dem Start schulten sie die mehr als tausend Mitarbeiter. Als das Terminal im September 2016 den regulären Betrieb aufnahm, stiegen die Münchner sogar ins Management ein und übernahmen übergangsweise die Leitung des Terminalbetriebs. Die Cairo Airport Company wollte dadurch sicherstellen, dass sich alle Betriebsprozesse im neuen Terminal möglichst gut einspielen und das Know-how dann nach und nach an ägyptische Verantwortliche weitergegeben werden kann.

25 Jahre
Flughafen München

  • 1992
    17. Mai, Der Flughafen münchen zieht um
  • 1999
    14. September, Das München Airport Center öffnet seine Pforten
  • 2003
    27. Juni, Terminal 2:
    Ready for Take-Off
  • 2015
    27. März, München ist
    der erste Fünf-Sterne-Flughafen in Europa
  • 2016
    26. April, Ein Satellit
    für das Terminal 2

2018 übernehmen die Ägypter das Ruder
»Das gelingt uns bisher sehr gut«, sagt Patrick Muller. »Wir werden diese Phase 2018 plangemäß abschließen und die Verantwortung in kompetente ägyptische Hände übergeben können.« Darauf ist Muller besonders stolz, denn Führungspositionen in Ägypten werden mitunter nicht nur nach fachlichen Gesichtspunkten besetzt, sondern auch nach Loyalitäten. »Es ging also darum, in einem solchen System die guten Leute zu identifizieren, zu coachen und zu entwickeln.«

München imponiert weltweit
Der Berater blickt auf eine lange Luftverkehrserfahrung zurück: Er hat bei Air France gearbeitet, in Heathrow, Frankfurt-Hahn, in Doha und Dubai. Er weiß daher genau, wieso immer mehr Flughäfen auf der ganzen Welt für große und heikle Projekte die Experten aus München an Bord nehmen, zuletzt die Betreiber der Flughäfen in Singapur und Kuala Lumpur: »Deutsche gelten als diszipliniert, sachorientiert und inhaltlich getrieben, das sind Eigenschaften, die man für anspruchsvolle Projekte braucht und die man sich gern einkauft.« Der zweite Grund für den zunehmenden Erfolg des internationalen Geschäfts sei das enorme Renommee des Flughafens München in der Luftfahrtbranche. »Einer der besten Flughäfen der Welt, das beste Terminal der Welt, alles mit Eigenmitteln gebaut, immer im Zeit- und Kostenplan – so etwas imponiert«, sagt Muller.

Damit möglichst viele Airports von der in München angesammelten Expertise profitieren können, hat Ivonne Kuger ein Team mit über 60 Beratern aufgebaut. Die operative Leiterin des internationalen Geschäfts des Flughafens München, das letztes Jahr in eine eigene GmbH ausgegliedert wurde, bekommt die meisten ihrer Kollegen freilich kaum zu Gesicht. »Sie sitzen für Monate, manchmal für Jahre in ihren Projekten bei unseren Kunden auf der ganzen Welt«, sagt Kuger, die selbst fast zehn Jahre in Thailand, Indien und im Oman gearbeitet hat. In Bangkok organisierte sie 2005 den Umzug des Flughafens an den 45 Kilometer entfernten neuen Standort mit mehr als 3.000 Lkw-Ladungen, in Doha waren es 800 Ladungen im engen Zeitfenster einer einzigen Nacht.

Das Portfolio der Münchner erstreckt sich allerdings weit über reine Umzüge hinaus, von der kompletten Planung komplexer Airport-Projekte über das Management von Flughafenanlagen bis hin zu Veränderungen in Betriebskonzepten, die im Lauf der Jahre etwa aufgrund der gestiegenen Sicherheitsanforderungen nötig werden. »Außer dem Fliegen selbst haben wir alles schon gemacht«, sagt Kuger mit Stolz: »Shopping-Konzepte, Verkehrsflüsse oder die Spezifizierung von Gepäcksystemen.« Insgesamt mehr als 50 Projekte in den letzten Jahren, vor allem in den schnell wachsenden Luftverkehrsmärkten in Südostasien, im arabischen Raum, in Afrika und Lateinamerika, aber auch in Osteuropa.

Der Umzug von Riem ins Erdinger Moos war eine organisatorische Meisterleistung – die darauf folgenden 25 Jahre waren eine nachhaltige und andauernde Erfolgsgeschichte.

Eine unvergessliche Nacht
Dabei zehrt das internationale Geschäft des Flughafens München bei der Akquise neuer Projekte noch immer von dem spektakulären Umzug des Münchner Flughafens von Riem nach Erding vor 25 Jahren. Hans-Joachim Bues betreute die Aktion damals als junger Pressesprecher. Der heutige Leiter der Unternehmens­kommuni­kation des Flughafens München öffnet in seinem Büro mit weitem Blick auf die Startbahn Nord einen Schrank und holt seinen Presseausweis von damals hervor. Er hat ihn aufgehoben, denn die Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1992 war für den damals 33-jährigen Journalisten eine Bewährungsprobe. In seiner ersten Stelle bei einem Unternehmen – seine vorangegangenen beruflichen Stationen waren das Bayerische Fernsehen und das Bundespresseamt – hatte er 700 Medienvertreter zu betreuen, davon 150 aus dem Ausland. Diese verfolgten die ganze Nacht über vom Pressezentrum am neuen Flughafen aus den logistischen Kraftakt. Kleinbusse brachten die Journalisten an alle Brennpunkte eines Umzugs, wie ihn die Welt vorher noch nicht gesehen hatte: Innerhalb von nur 16 Stunden sollte ein ganzer Flughafen umziehen. 5.000 Mitwirkende und 700 Lastwagen standen bereit, jahrelang war die Aktion geplant und vorbereitet worden.

Planung versus Realität
Die Welt schaute auf München, und die Anspannung, die auf Bues und seinem Team lag, war enorm. »Natürlich gingen auch einige Dinge schief«, berichtet Bues. Geplant sei zum Beispiel die erste offizielle Ankunft zweier Lufthansa-Maschinen mit den Namen Erding und Freising gewesen – zeitgleich auf beiden Bahnen. In der Umzugsnacht kamen ihnen jedoch gleich zwei andere Flugzeuge zuvor. Zum einen die kleine Maschine einer Notfallambulanz und anschließend auch noch eine Verkehrsmaschine von Aero Lloyd, die sich schon bei den Fluglotsen im österreichischen Luftraum zur Landung angemeldet hatte. Die vorbereitete Pressemeldung war damit obsolet, und der damalige Flughafenchef Willi Hermsen war bei einer Pressekonferenz in dieser Nacht mehr als verärgert. Auch weil die erste S-Bahn, die in den frühen Morgenstunden ins Terminal einfuhr, nicht wie mit der Bahn aufwendig vereinbart in der Flughafenfarbe Blau lackiert war. Und dann kam sie auch noch als Kurzzug, in dem sich die ersten Passagiere drängten.

»Das war Weltklasse!«
Doch abgesehen von diesen Kleinigkeiten verlief der Umzug einwandfrei, und die Bild-Zeitung titelte am nächsten Tag: »Das war Weltklasse!« Für den Münchner Flughafen markierte dieser öffentlichkeitswirksame Start des Flugbetriebs im Erdinger Moos auch den Beginn einer wesentlich aktiveren Unternehmenskommunikation. »Wir standen mit diesem Event im Licht der Öffentlichkeit und tun das bis heute. Das heißt, wir müssen liefern.«

Flughäfen sind Sehnsuchtsorte
Für Bues ist der Luftverkehr eine Herzenssache. Als junger Mann wollte er Pilot bei der Luftwaffe werden, scheiterte damals aber an einer Rot-Grün-Farbschwäche. Hinter ihm auf der Nordbahn landet gerade ein Dreamliner der ANA aus Tokio. Es herrscht ein kräftiger Ostwind an diesem Nachmittag, aber das große Langstreckenflugzeug von Boeing vibriert nur unmerklich und gleitet sanft zu Boden. Auch wenn es für Bues nicht die Pilotenkanzel wurde: »Flughäfen sind Sehnsuchtsorte, für mich selbst und auch für Journalisten. Das macht Öffentlichkeitsarbeit für einen Airport so attraktiv – noch dazu, wenn es sich um einen Flughafen von einem so hohen Niveau und mit einer so schönen und großzügigen Architektur handelt wie in München.«

Doch Begeisterung fürs Fliegen und ein starker Airport allein genügen nicht, um auf Dauer überzeugende Unternehmenskommunikation zu leisten. Als Betreiber einer großen Verkehrsinfrastruktur muss sich der Flughafen München immer wieder aufs Neue öffentlich legitimieren und sich auch der Kritik stellen. Das gilt besonders für ein Ausbauvorhaben wie die dritte Start- und Landebahn. »Natürlich gibt es da Interessengegensätze, die am Ende nicht überwindbar sind, und gegen Emotionen kommt man auch mit Fakten schwer an«, sagt Bues. Aber mit einer offenen und umfassenden Kommunikation könne der Flughafen wenigstens Transparenz herstellen. Dass es in Zeiten der Digitalisierung, von Facebook und Twitter sowie der sich ändernden Mediennutzung immer schwieriger werde, die in viele Bestandteile und Interessensphären zerfallende Öffentlichkeit überhaupt zu erreichen, verhehlt er nicht.

Zehntausende bei Jubiläumsfeiern
Ziel der Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahr 2017 sei es daher gewesen, möglichst alle Zielgruppen anzusprechen. So gab es neben einem Staatsempfang in der Residenz viele attraktive Festaktivitäten am Airport selbst. 7.000 Mitarbeiter der über 500 am Flughafen ansässigen Unternehmen feierten das Flughafenjubiläum, und bei den Music und Family Days in Zusammenarbeit mit dem Radiosender Bayern 3 wurden über 50.000 Besucher gezählt, überwiegend junge Leute und Familien.

Infrastrukturprojekte in der Kritik
Die Botschaft, die der Flughafen München dabei vermitteln wollte, war klar: Der Airport mit seinen exzellenten Leistungen und Verbindungen ist für alle Menschen in der Region von eminentem Vorteil. »Es ist ja schön, wenn Menschen in und um München gern von ihrem Flughafen profitieren, aber so selbstverständlich ist das eben nicht«, sagt Bues. Er denkt zurück an die Zeit der Eröffnung vor 25 Jahren: »Auch damals schon gab es Kritik an angeblicher Gigantomanie. Heute ist es ziemlich unstrittig, dass die Entscheidung für den Neubau ein Glücksfall war für München und die ganze Region.« Und er fügt hinzu, dass man heute mit der dritten Start- und Landebahn vor einer vergleichbaren Entscheidung stehe.

Glücksfall Terminal 2
Ein weiterer Glücksfall für den Airport war 2003 die Eröffnung von Terminal 2. Noch nie hatte bis dahin ein Flughafenbetreiber gemeinsam mit einer Fluggesellschaft ein Abfertigungsgebäude geplant, finanziert, gebaut und betrieben. Erst die Kooperation des Flughafens München mit der Lufthansa schuf das heutige Drehkreuz, und nur die Verbindung des Bedarfs aus der Region mit dem Umsteigeverkehr macht die vielen attraktiven Verbindungen von München aus in die ganze Welt möglich. Nach Frankfurt verfügt die bayerische Landeshauptstadt heute über die mit Abstand besten Flugverbindungen aller deutschen Airports.

Gleichzeitig ist der Erfolg von Terminal 2 ein starker Treiber für das internationale Geschäft des Airports. »Das Joint Venture mit der Lufthansa imponiert weltweit«, sagt Ivonne Kuger. Die 44-Jährige führt mögliche neue Kunden gern durch das lichte Terminal mit seiner schönen, großzügigen, übersichtlichen Architektur und beschreibt die Abläufe, die – neben anderem – dem Flughafen im internationalen Ranking eine Fünf-Sterne-Bewertung eingebracht haben. »Unser Flughafen ist der beste Showroom für unsere Leistungen«, sagt sie und meint damit auch das Mittagessen in einem der flughafeneigenen Restaurants, das eine Führung meist abrundet: »Zum authentischen Charakter trägt in München auch der bayerische Charme bei.«

München einer der zehn profitabelsten Flughäfen weltweit
Noch mehr als von den einheimischen Spezialitäten sind Ivonne Kugers potenzielle Kunden von der Profitabilität des Flughafens München begeistert. Er liegt bei dieser Kennziffer inzwischen unter den zehn besten weltweit. »Auch dass wir seit dem Neubau sämtliche Investitionen aus Eigenmitteln stemmen konnten, beeindruckt viele Gäste, denn im weltweiten Vergleich ist das alles andere als selbstverständlich«, sagt Kuger. Und nutzt dieses Argument durchaus auch für ihre Präsentationen, wenn es um neue Beratungs-, Management- und Schulungsleistungen geht.

Projekte von Honduras bis Singapur
Derzeit arbeiten sie und ihr Team an 15 Projekten, neben Kairo in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito, im neuen Hauptstadtflughafen von Honduras, in Singapur, Saudi-Arabien und in Bahrain. Beim neuen Megaflughafen von Istanbul werden die Münchner den Umzug von Turkish Airlines organisieren und somit das größte Inbetriebnahme- und Umzugsprojekt der Luftfahrtgeschichte unterstützen. Das Geschäft expandiert, Kuger sucht laufend neue Mitarbeiter. Entscheidend sei dabei die Erfahrung mit Flughafenbetrieb, »etwas Kerosinsucht« könne aber auch nicht schaden. Und vor allem müsse man bereit sein, über längere Zeiträume ins Ausland zu gehen.

So wie Patrick Muller. Der ist gerade zurück von seiner zweiten Runde durch das Terminal in Kairo und gönnt sich jetzt ein weiteres Tässchen Mokka. Es ist halb elf, der erste Verkehrs-Peak des Tages liegt eine halbe Stunde zurück. Sein »management by walking around« hat ihn noch einmal durch sein Terminal geführt, diesmal in den Keller, zu den Mitarbeitern in der Gepäckförderanlage. Zum zweiten Peak dann am Nachmittag zwischen drei und vier wird man ihn im Check-in-Bereich finden. »Vor Ort kann ich am besten sehen, wo etwas hakt«, sagt er. »Außerdem hilft es hier sehr, wenn Sie sich bei den Kollegen sehen lassen, mit E-Mails brauchen Sie in Ägypten gar nicht erst anzufangen. Wenn Sie etwas erreichen wollen, geht das nur mit direkter Kommunikation. Und mit viel Tee und Kaffee.«

Kerosin im Blut
Wann er Kairo verlassen wird, ist noch nicht klar, die Münchner haben eine weitere Phase der Unterstützung angeboten. Zum Glück ist seine Frau inzwischen auch nach Kairo gezogen und genießt die Stadt und das Land mit seinen historischen Schätzen. Muller selbst allerdings hat bisher noch nicht einmal die Pyramiden von Gizeh gesehen. Die sind vom Flughafen nur ungefähr 30 Kilometer entfernt. Kerosin im Blut nennt man das wohl.

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